Die unendliche Geschichte

Es heißt ja so schön, dass der Kleiderschrank ein Spiegel der Seele sei. So versuche ich seit Monaten, ja wenn nicht seit Jahren ständig an ihm zu arbeiten und ihn zu optimieren. Und doch gibt es so Tage wie gestern. Mit den Kindern morgens war es wieder sehr eilig. In Windeseile zog ich eine Hose aus dem Schrank und wählte hastig einen Pullover. In weniger als 10 Sekunden hatte ich auch noch die Schuhe angezogen und den Mantel vom Haken gerissen. Der morgendliche Sprint zum Kindergarten konnte beginnen! Wieder zurück nach Hause erschreckte ich vor meinem Spiegelbild. Wie konnte ich nur so schlimm aussehen? Ich war doch nicht krank! Ich hatte kein Make-up und der Pullover strahlte zwar ungemein fröhlich in seinem Tomatenrot, doch ließ er mich sehr blass aussehen. Auch passte er nicht gut zur schwarz-weiß-gemusterten Hose. Angewidert wollte ich den Spiegel hinter mir lassen, um mich an den Computer zu flüchten. Doch dann kam mir, dass ich ja später wieder rausgehen wollte. Wollte ich wirklich so nochmal auf die Straße? Gab ich so das Bild ab, das ich meinem Umfeld, meiner Stadt, ja und nicht zuletzt mir selber von mir geben wollte? Ist das alles, was eine Farb- und Stilberaterin für sich selber drauf hat? Jetzt war ich in meiner Eitelkeit wirklich getroffen. Den Pullover zog ich aus und entsorgte ihn sofort. Schon manches mal hatte ich mich über ihn geärgert. Jetzt konnte er mich aber nie mehr verzweifeln lassen! Dann überlegte ich ein wenig, probierte mit bedacht verschiedene Kleidungsstücke und entschied mich schließlich für ein dunkeltürkises Shirt mit gleichfarbiger Strickjacke, sowie eine schwarze Hose, die rundum mit goldenen Pailletten bestickt war. Diese Hose gab meinem Aussehen eine dramatische Note, die mich energetisierte. Blumen auf dem Shirt und in den Haaren unterstrichen meinen feminin-romantischen Stil. So war ich endlich glücklich! Mir strahlte eine überzeugende Ilka aus dem Spiegel entgegen. Ich sah aus wie gerade gut erholt vom letzten Urlaub! Das Schminken war dann nur noch das I-Tüpfelchen. So hatte ich direkt Lust, zu einem Fotoshooting zu gehen.

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